Als Elfriede geboren wurde, wehte draußen ein sanfter Frühlingswind. In der Luft schwebten abertausende Schirmchen von abgeblühten Löwenzahnblumen. Sie war ein Frühchen und wog nur 1400 Gramm. Als die Mutter mit Elfi, wie sie sie zärtlich nannte, nach Hause kam, schaute ihr Mann zweifelnd auf das Kind, so als ob er sagen möchte: „Hoffentlich bringen wir es durch“.
Elfriede war ein zufriedenes Kind, aß nicht viel und weinte wenig. Und wenn doch, hörte sie sogleich auf, wenn ihre Mutter sie in den Arm nahm. Schlafen tat sie auch wenig. Ihre Eltern wunderten sich oft, wenn sie nachts an ihr Bettchen traten und sie reglos mit offenen Augen da lag. Die Ärzte wussten keinen Rat. Beruhigten sie aber mit den Worten, sie sei zwar zart, aber gesund.
Sobald Elfi laufen konnte, wollte sie immer hinters Haus auf die Wiese. Ihre Mutter nahm eine Decke mit und saß darauf. Elfi aber hüpfte auf der Wiese umher, roch an den Gänseblümchen, Veilchen und Kleeblumen und strich mit den Händen sanft übers Gras. Ab und zu fand sie ein vierblättriges Kleeblatt und brachte es der Mutter. Am liebsten aber tanzte sie auf der Wiese. Im Frühling, wenn die Löwenzahnblumen abgeblüht waren, schien sie zusammen zu schweben mit den unzähligen Schirmchen. Sie wirkte wie eine Elfe mit ihrem Kleid und den feinen blonden Haaren. Eine Besonderheit war auch, dass sie immer barfuß laufen wollte.
„Das tut den kleinen Käfern nicht weh, wenn ich auf sie trete“, meinte sie dann.
Nachts aber lag Elfi nach wie vor wach. Ihre Mutter begann sich zu ängstigen. Schließlich suchte sie so eine Art Wahrsager auf. Der sprach lange mit dem Kind und erklärte der Mutter hinterher, was er vermutete. „Das Kind lebt sozusagen zweimal. Es ist ein Wunder, dass es dies solange durchhält. Es lebt tagsüber hier bei ihnen und nachts an einem anderen Ort, wo es dort Tag ist. Irgendwann wird es wissen, wo es dort drüben seine Eltern hat. Und irgendwann muss es sich entscheiden, ob es hier oder drüben leben will.“
Als die Mutter dies ihrem Mann erzählte, hielt er sie für verrückt. Aber sie ließ nicht davon ab. Wenn es um den Urlaub ging, fragte sie ihre Tochter, wo sie denn hinfahren möchte.
Elfi meinte nur: „Dort, wo es viel Gras gibt.“
Der Vater sagte „Dann lass uns doch ins Allgäu fahren.“
Der Urlaub war für alle erholsam. Sie wanderten viel und Elfi hüpfte auf den Wiesen umher. Nachts lag sie aber weiterhin wach.
Es begann sich bei ihr auch allmählich eine Tagesmüdigkeit abzuzeichnen. Die schulischen Leistungen wurden immer schwächer und außer Grundschulenglisch und Erdkunde schien Elfriede nichts zu interessieren. Die Ärzte meinten mittlerweile, es läge eine Schizophrenie vor. Sie wollten Psychopharmaka verschreiben. Die Eltern lehnten dies aber ab.
Sie ließen das Kind aus gesundheitlichen Gründen von der Schulpflicht befreien und gaben sie in einen Privatunterricht, um ihre Interessen wie Erdkunde und Englisch zu fördern.
Eines Nachts wurden sie geweckt durch lautes Schreien. Sie rannten in Elfis Zimmer.
Das Mädchen schwebte über dem Bett und schlug mit den Armen um sich.
Die Mutter weinte laut. Der Vater aber ergriff sie und zog sie in seine Arme. Sie schien irgendeinen Kampf auszufechten. Plötzlich erschlaffte sie und öffnete ihre Augen. „Jetzt gehöre ich nur noch euch“, sagte sie ruhig.
Die darauf folgenden Tage wirkte sie seltsam gefasst. Irgendwann kam sie mit dem großen Atlas und deutete auf eine Stadt in den USA im Staat Florida. Ein kleiner Punkt auf der Karte, der namentlich nicht erkennbar war.
„Da müssen wir hin“, sagte sie nur.
Sie schien sich so sicher zu sein, dass ihr Vater den Ort ausfindig machte und sie in den nächsten Tagen Vorbereitungen für die Reise machten.
Elfi aber schnitt Gras und Löwenzahnblumen von ihrer Wiese ab und sammelte alles in einem Glas.
Als sie nach dem Flug und mit dem Leihwagen in dem kleinen Ort ankamen, wollten die Eltern – müde wie waren – gleich ins Hotel.
Elfi aber sagte: „Nein, zuerst muss ich mich verabschieden.“
Sie schien alles zu kennen in dem Ort. Zeigte ihren Eltern, wo der Supermarkt war, die Schule und der Park. Dann leitete sie sie zu einem weißen Holzhaus. Mittlerweile wunderten diese sich über nichts mehr und ließen sie gewähren.
Als sie klingelten, öffnete eine Frau die Tür und schrie laut auf, als sie das Kind sah.
Ihr Mann kam gerannt und auch er starrte Elfi entgeistert an. Diese fing an englisch zu sprechen, als hätte sie nie etwas anderes gelernt. Sie bestand darauf, dass die Beiden mit in den Wagen stiegen. Sie leitete ihren Vater zum Friedhof, der – wie in Amerika üblich – nur aus einer Wiese mit weißen Kreuzen bestand. Elfi stieg aus und rannte los. Sie hielt an vor einem Kreuz. Darauf stand „Amy Newton“. Sie stellte das Glas mit dem Gras und den Blumen neben ein Bild, das da noch stand. Jetzt waren es ihre Eltern, die fassungslos waren.
Das Mädchen auf dem Bild sah aus wie ihre Tochter. Als dann die amerikanischen Eltern dazukamen, nahm Elfi jeweils eine Hand von ihnen und tröstete sie. Zum Schluss umarmte sie die Beiden.
In dieser Nacht schlief Elfriede das erste Mal in ihrem Leben tief und fest.